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Auszug aus einem derzeit in Arbeit befindlichen eigenen Roman

(Arbeitstitel: Der Schatz des Rainer Stelzer)

 

Das Licht in der Luft wurde gelblicher, je weiter wir nach Süden fuhren und der Tag

sich neigte. Die Straße vollzog nach einiger Zeit einen sehr weitläufigen

Linksschwenk und führte von da an entlang der Eisenbahnlinie, die aus den "Bergen

von Arbeit" nach Wachstum führte. Bald darauf erreichten wir einen großen

Nadelwald und ließen dabei eine neue, erst vor kurzem errichtete, Landebahn des

Wachstumer Jet Lag Airports rechts liegen. Soweit ich richtig informiert war, werden

die Haushalte der Erlebniswelt aus diesem von Menschenhand angelegten Nadelwald

jährlich mit Weihnachtsbäumen beliefert. Diese Waldanlage war riesig, und während

die Fahrt monoton an den wie Soldaten kerzengerade gepflanzten kleinen

Tannenbäumen vorbeirauschte, schnarchte der Prof leise vor sich hin.

Kurz bevor wir das Ende dieses künstlichen Waldes erreichte, sah ich sie schon über

den Baumwipfeln, und als ich den südlichen Waldrand durchfuhr und wieder freie

Sicht hatte, entlockte es mir ein deutlich hörbares "Wow!!"

Der Prof schrak auf. "Wow, was, wie?"

"Die Skyline von Wachstum! Jedes Mal erneut beeindruckend. Ich meine, ich war

schon ein paar Mal hier, aber es überwältigt mich immer wieder."

 

Hohe Wolkenkratzer türmten sich nebeneinander in den Himmel der Erlebniswelt und

schimmerten mit ihren Glasfassaden im Licht der langsam untergehenden Sonne.

Große und gebogene Autobahnbrücken schlängelten sich, auf mächtigen Pfeilern

stehend, etwa in Höhe der 20. Stockwerke durch die Häuserschluchten, um den

Verkehr zügig sowohl über den Fluß "Schweiße des Angesichts" als auch von einem

Stadtteil zum nächsten zu führen, ohne dass er durch das ebenerdige Gewimmel der

Innenstadt musste. Der Verkehr auf unserer Zufahrtsstraße wurde dichter und kam vor

den Toren der Stadt fast völlig zum Stehen.

"Hast Du einen Fünfer klein, Stelzer?", fragte Prof rechts neben mir nun aufrecht

sitzend. Ich bemerkte sofort, dass er mich erstmals duzte, mich aber dennoch mit

meinem Nachnamen ansprach.

"Soll ich Rainer sagen? Wäre Dir das angenehmer?", kam postwendend die passende

Frage zu meinen Gedanken, als ob er sie lesen könnte.

"Nenn mich Stelzer. Hab mich dran gewöhnt.", antwortete ich und bemerkte

ebenfalls, dass er sich duzen ließ.

"Deine Begeisterung, Stelzer, wird in Bestürzung umschlagen, wenn Du die

Geschichte der Stadt hörst."

"Was ist mit der Geschichte?"

"Später. Erstmal den Fünfer!"

"Wozu?"

"Seit dem Frühjahr kostet die Einfahrt in die Stadt Maut."

 

In dem Moment, in dem er das aussprach, sah ich es auch schon. Gleichzeitig war das

der Grund, warum der Zufahrtsverkehr sich verlangsamt hatte. Die Straße wurde

plötzlich gigantisch breit und mündete in etwa 16 Durchfahrtsschleusen, von denen

man sich eine aussuchen konnte. In einer solchen Schleuse war ein Kunststofftrichter

aufgehängt, in den man den Fünfer zu werfen hatte, damit die Ampel auf Grün

umsprang. Fuhr man ohne zu zahlen durch, wurde man geblitzt, und das wurde dann

richtig teuer.

 

Während ich mit einer Hand das Lenkrad festhielt, kramte ich mit der anderen in

meiner Hosentasche und fand zum Glück einen einzelnen Fünfer. Bald darauf waren

wir in der Hauptstadt.

Die Straße wurde wieder schmaler, die Fahrzeuge fädelten sich ein und steuerten auf

eine Gabelung zu. Geradeaus führte sie ebenerdig in die Innenstadt. Links und rechts

waren die beampelten und ebenfalls erneut mautpflichtigen Auffahrten zu den

Highways in luftiger Höhe.

 

"Fahr geradeaus.", sagte der Prof, und ich bemerkte, dass wir fast die einzigen waren,

die diese Route wählten. Die große Mehrheit der Fahrzeuge wählte eine der beiden

Auffahrten, entweder in den Westteil oder in den Ostteil der Stadt. Ich kam mir

unendlich klein vor, als ich in Höhe der Fundamente an den Banken und

Versicherungen vorbeifuhr, die sich so weit in die Höhe streckten, dass ich ihr Ende

selbst dann nicht sehen konnte, wenn ich meinen Oberkörper so weit nach vorne

beugte, um mit einem schrägen Blick nach oben durch die Windschutzscheibe zu

sehen.

 

"Wo musst Du eigentlich hin, Prof? Wo soll ich Dich rauslassen?"

"Ich lotse Dich.", erwiderte er. "Da, wo ich hin muss, kann ich Dir auch ein Bett

anbieten, dann brauchst Du nicht in eins der sündhaft teuren Hotels hier."

"Das ist aber nett.", bedankte ich mich und ließ mich, mal rechts, mal links, durch die

Hauptstadt lotsen.

Nach einer längeren Odyssee durch die nördlichen Geschäfts- und Büroviertel

gelangten wir schließlich ins alte Zentrum der Stadt. Zu unserer linken Hand

erstreckte sich kurz zuvor das große Regierungsviertel, welches großräumig

abgesperrt und bewacht wurde. Hierhin hatten nur die Mitglieder und Mitarbeiter der

Ministerien sowie jener der ebenfalls hier untergebrachten Regionsvertretungen,

beispielsweise von "Wissen", "Zuhause" oder auch "Liebe", Zutritt. Als wir uns dem

Stadtkern näherten, wuchs die Zahl der zu Fuß unterwegs befindlichen Passanten

ebenso stark an wie die Zahl der Einbahnstraßen und reinen Fußgängerzonen. Was

sich dem Auge ebenfalls anbot, waren hier und da zwischen den großen und

modernen Gebäudekomplexen ältere Bauwerke aus der Zeit vor der

Industrialisierung, die wie Relikte einer vergangenen Epoche millimetergenau

zwischen die neueren Hochhäuser geschoben zu sein scheinen. In Wahrheit natürlich

hatte man die moderneren Gebäude einfach an die linken und rechten Wände der alten

herangebaut und die ehemaligen Fenster dieser Seitenwände zugemauert.

 

"Fahr da vorne links in das Parkhaus, ansonsten findest Du hier keinen einzigen Platz

zum Parken.", befahl der Prof und zeigte auf die beschrankte Einfahrt desselben. An

der Schranke zog ich ein Ticket und fuhr immer im Kreis bis in die vierte Etage, wo

wir den ersten freien Parkplatz entdeckten. Mit dem Personenaufzug ging es wieder

hinunter zum Ausgang und Prof führte mich den Gehweg entlang zu einem etwa 500

Meter entfernten alten Steinhaus mit einer breiten Treppe an seiner Front, die links

und rechts von mit Taubendreck gemusterten Steinstatuen verschiedener Tierarten

flankiert wurde. Eine mit einem fein verzierten Geländer umrandete Außenterrasse

vor den Fenstern des ersten Stockes ruhte auf 12 alten Marmorsäulen altertümlichen

Stiles. Die wohl ehemals dunkelblaue Farbe des Terrassengeländers blätterte langsam

ab und verblasste zusehends. Im Zentrum des Geländers war ein ebenfalls farblich

verblassendes Wappen angebracht, welches, so konnte man es gerade noch erkennen,

in der unteren Hälfte eine grüne und der oberen Hälfte eine blaue Grundfarbe aufwies.

Davor war im Zentrum ein Baum in voller Blüte abgebildet, und in den vier Ecken

des Wappens hatten vier Symbole Platz gefunden: Eine Kornähre, ein Notenschlüssel,

eine Schreibfeder und ein Wanderstock.

 

"Das ehemalige Rathaus der Stadt.", klärte Prof mich auf, als wir auf das Gebäude

zuschritten. "Heute befindet sich in der Parterre eine Gaststätte, die ehemaligen

Empfangssäle im ersten Stock können heute von jedermann für Feierlichkeiten jeder

Art gemietet werden, und aus den oberen beiden Stockwerken wurde ein Hotel für

durchreisende Geschichtsfanatiker gemacht. Die Übernachtungen allerdings sind

unbezahlbar, weil man die gesamte ehemalige Einrichtung restauriert und

originalgetreu erhalten hat. Ich sollte nur mal dafür sorgen, dass auch das Geländer

und das Wappen einmal neu gestrichen werden."

 

Wir erklommen die große Steintreppe und betraten das alte Rathaus, denn das große

Eingangsportal aus schwerem Holz war nicht verschlossen. Wir betraten ein großes

Foyer. Die Türen, die rechts und links davon abgingen schienen verschlossen und

schon längere Zeit nicht mehr benutzt worden zu sein. Am Ende des Foyers allerdings

konnte man den offenen Zugang zu der bereits erwähnten Gaststätte erkennen. Es war

kurz vor Abendbrotzeit, und es war noch nicht viel los hier. Prof steuerte dennoch

zielstrebig darauf zu.

 

Als der Wirt hinter der Theke ihn bemerkte, griff dieser unter den Tresen und legte

wortlos einen alten Bartschlüssel auf den Tresen, den der Prof schweigend an sich

nahm. Dann bedeutete er mir mit einem Kopfschwenk, ihm zu folgen. Wir verließen

den Gastraum wieder zurück ins Foyer und gingen dann eine breite Innentreppe

hinauf zu den oberen Stockwerken. Im Flur der ersten Etage überwältigten mich die

ehemals prunkvollen Flügeltüren, die in die Empfangssäle führten. Aber am Ende des

Flures war eine zur Rückseite des Gebäudes führende kleine Tür, die der Prof mit

dem soeben empfangenen Schlüssel öffnete, mich hindurch lotste und hinter sich

wieder verschloss. Wir standen nun auf dem Absatz einer ehemaligen eisernen

Feuertreppe im Freien, und mein Führer begann, diese hinab zu steigen auf die hinter

dem alten Rathaus gelegenen Gasse. Bevor ich ihm hinab folgte, sah ich mich kurz

um, und was ich sah, verschlug mir regelrecht den Atem.

 

Mir bot sich trotz einer für den späten Nachmittag ungewöhnlichen Dunkelheit ein

Anblick, mit dem ich nie gerechnet hätte. Vor meinem staunenden Auge präsentierte

sich eine uralte Gasse von etwa 400 Metern Länge. Der Straßenbelag bestand aus

altem Kopfsteinpflaster, und an beiden Straßenseiten standen Wand an Wand alte

kleine Fachwerkhäuser, die bestimmt schon 200 Jahre alt sein mussten, wenn nicht

sogar älter. Die ganze Szene war wie ein Zeitsprung in eine andere, längst vergangene

Zeit. An den rückwärtigen Wänden der Häuser schloss sich die Rückseite eine großen,

zu dieser Seite hin fensterlosen, Fabrikkomplexes an, der in seiner Höhe die der alten

Fachwerkhäuser um ein Vielfaches überragte. Das war auch der Grund für die

ungewöhnliche Dunkelheit. Die Sonne fand kaum einen Weg in diese enge, von

großen neueren Gebäuden umschlossenen Schlucht einer scheinbar vergessenen Welt.

Lediglich zur Mittagszeit, wenn die Sonne senkrecht stand, wurde diese Gasse mit

natürlichem Licht übergossen. Jetzt aber wurde sie nur leidlich erhellt durch ein paar

alte Straßenlaternen, in denen tatsächlich echte Feuer flammten. Vor einem der alten

Fachwerkhäuser stand noch ein hölzerner Fuhrwagen mit gebrochenen Speichen. Er

war nach vorne geneigt, weil an seinem vorderen Ende das eigentlich dahin

gehörende Pferd fehlte. Der Wagen verrottete so langsam vor sich hin. Der Anblick

dieser alten Gasse aus früheren Zeiten war so überwältigend, dass ich mich am

Geländer der Plattform festhalten musste, auf der ich immer noch stand, unfähig mich

zu bewegen.

 

"Komm runter, Stelzer", rief mir der Prof zu. "Gleich wird es so dunkel sein, dass ich

befürchte, Deine Augen sind an eine verletzungsfreie Durchquerung dieser Gasse bei

den nur wenigen und dazu noch unzureichenden Leuchtquellen der Laternen nicht

gewöhnt." Ich konnte von hier oben noch erkennen, dass die Gasse an ihren beiden

Enden ebenfalls von den fensterlosen Rückwänden des Fabrikkomplexes hermetisch

abgeschlossen war. Es sah irgendwie mehr wie eine Filmkulisse aus, in der man alte

Schinken drehen konnte, ohne dass die Kamera jemals einen Blickwinkel aufnahm,

der den Fortgang der Gasse zeigte, weil auf diesen dann die neuen Mauern der

Verwaltungs- und Requisitengebäude der Filmgesellschaft zu sehen gewesen wären.

Aber es war keine Filmkulisse. Das war eine original erhalten gebliebene echte Gasse

aus einer Zeit, an die sich hier kaum mehr jemand zu erinnern schien.

"Wo sind wir hier?", fragte ich den Prof, als ich vorsichtig den Fuß der Feuertreppe

erreichte. Bevor er antworten konnte, blickte ich noch einmal zurück. Die

Feuerfluchttür an der Rückseite des alten Rathauses, dessen Fenster zu dieser Seite

hin ebenfalls zugemauert waren, schien der einzige Zu- und Ausgang zu diesem Teil

der Stadt zu sein, und der Landarzt aus Fieber hatte Zugriff auf den Schlüssel. Ich

wusste im Moment nicht, was ich davon halten sollte und wo hinein ich hier geraten

war.

 

"Dieser Teil der Stadt...", begann der Prof, die Worte aus meinem Kopf verwendend,

seine Antwort, "...ist eigentlich kein Teil der Stadt mehr. Es handelt sich um einen

noch erhaltenen aber längst in Vergessenheit geratenen Teil der ehemaligen

Schmiedegasse, aus einer Zeit, als diese Stadt in der Blüte ihrer eigentlichen

Bestimmung stand. Du wirst sie auf keinem einzigen Stadtplan finden, und selbst die

heutige Stadtverwaltung, ja noch nicht einmal die Reichsregierung, haben Kenntnis

von ihrer Existenz. Auf den Stadtbebauungsplänen grenzt diese pharmazeutische

Fabrik", er zeigte mit seinem Zeigefinger auf die gelblichen Rückwände des die Gasse

umschließenden Komplexes, "nahezu unmittelbar an das alte Rathaus und die

Nachbargebäude. Die nach hinten abzweigenden U-Ausläufer der Fabrik sind in den

Architekturzeichnungen deutlich kürzer als sie es tatsächlich sind, so dass auf allen

Stadt- und Bebauungsplänen der Abstand zwischen dem alten Rathaus und der Fabrik

gerade einmal so groß ist, dass die Abluft beider Gebäude sich ihren Weg durch einen

dünnen Spalt nach oben ins Freie suchen kann. Die Differenz zwischen der

tatsächlichen Länge dieser U-Ausläufer und den Angaben in den Zeichnungen

interessiert schon seit Jahrzehnten keinen mehr. Vermutlich sind die

Originalzeichnungen in den Kellern des Stadtarchives auch längst vergilbt. Die

Existenz dieser Gasse ist nur wenigen bekannt. Mir selbst natürlich, dem Wirt vorne

im alten Rathaus, dem Architekten, der natürlich zu unserer Gruppe gehört und noch

einer Handvoll anderer aus unserer Gruppe."

 

"Und jetzt auch mir!", wandte ich ein. "Warum hast Du mich hierher geführt in diese

Gasse? Ist das Wissen um sie gefährlich, da Eure Gruppe so ein Geheimnis darum

macht? Überhaupt: Was für eine Gruppe?"

"Das sind viele Fragen auf einmal. Und ich werde sie Dir alle beantworten, soweit ich

das vermag. Aber jetzt komm erstmal. Du wirst Hunger haben, und Du solltest Dein

Bett frisch beziehen. Es sind immer noch die Bezüge darauf, in denen Du geschlafen

hast, als Du das letzte Mal hier gewesen bist, und das ist schon eine Weile her.

Vermutlich wirst Du Dich überhaupt nicht mehr erinnern."

Ich verstand überhaupt nichts mehr. Ich kniff mich, ohne dass er es sah, um zu prüfen,

ob ich träumte. Aber es änderte sich nichts. Ich stand immer noch in der Gasse einer

anderen Zeit, zusammen mit einem mir eigentlich unbekannten Mann, der für mich

nur noch in Rätseln sprach.

 

(c) Thomas Dellenbusch 2008/09

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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