Das Licht in der Luft wurde gelblicher, je weiter wir nach Süden fuhren und der Tag
sich neigte. Die Straße vollzog nach einiger Zeit einen sehr weitläufigen
Linksschwenk und führte von da an entlang der Eisenbahnlinie, die aus den "Bergen
von Arbeit" nach Wachstum führte. Bald darauf erreichten wir einen großen
Nadelwald und ließen dabei eine neue, erst vor kurzem errichtete, Landebahn des
Wachstumer Jet Lag Airports rechts liegen. Soweit ich richtig informiert war, werden
die Haushalte der Erlebniswelt aus diesem von Menschenhand angelegten Nadelwald
jährlich mit Weihnachtsbäumen beliefert. Diese Waldanlage war riesig, und während
die Fahrt monoton an den wie Soldaten kerzengerade gepflanzten kleinen
Tannenbäumen vorbeirauschte, schnarchte der Prof leise vor sich hin.
Kurz bevor wir das Ende dieses künstlichen Waldes erreichte, sah ich sie schon über
den Baumwipfeln, und als ich den südlichen Waldrand durchfuhr und wieder freie
Sicht hatte, entlockte es mir ein deutlich hörbares "Wow!!"
Der Prof schrak auf. "Wow, was, wie?"
"Die Skyline von Wachstum! Jedes Mal erneut beeindruckend. Ich meine, ich war
schon ein paar Mal hier, aber es überwältigt mich immer wieder."
Hohe Wolkenkratzer türmten sich nebeneinander in den Himmel der Erlebniswelt und
schimmerten mit ihren Glasfassaden im Licht der langsam untergehenden Sonne.
Große und gebogene Autobahnbrücken schlängelten sich, auf mächtigen Pfeilern
stehend, etwa in Höhe der 20. Stockwerke durch die Häuserschluchten, um den
Verkehr zügig sowohl über den Fluß "Schweiße des Angesichts" als auch von einem
Stadtteil zum nächsten zu führen, ohne dass er durch das ebenerdige Gewimmel der
Innenstadt musste. Der Verkehr auf unserer Zufahrtsstraße wurde dichter und kam vor
den Toren der Stadt fast völlig zum Stehen.
"Hast Du einen Fünfer klein, Stelzer?", fragte Prof rechts neben mir nun aufrecht
sitzend. Ich bemerkte sofort, dass er mich erstmals duzte, mich aber dennoch mit
meinem Nachnamen ansprach.
"Soll ich Rainer sagen? Wäre Dir das angenehmer?", kam postwendend die passende
Frage zu meinen Gedanken, als ob er sie lesen könnte.
"Nenn mich Stelzer. Hab mich dran gewöhnt.", antwortete ich und bemerkte
ebenfalls, dass er sich duzen ließ.
"Deine Begeisterung, Stelzer, wird in Bestürzung umschlagen, wenn Du die
Geschichte der Stadt hörst."
"Was ist mit der Geschichte?"
"Später. Erstmal den Fünfer!"
"Wozu?"
"Seit dem Frühjahr kostet die Einfahrt in die Stadt Maut."
In dem Moment, in dem er das aussprach, sah ich es auch schon. Gleichzeitig war das
der Grund, warum der Zufahrtsverkehr sich verlangsamt hatte. Die Straße wurde
plötzlich gigantisch breit und mündete in etwa 16 Durchfahrtsschleusen, von denen
man sich eine aussuchen konnte. In einer solchen Schleuse war ein Kunststofftrichter
aufgehängt, in den man den Fünfer zu werfen hatte, damit die Ampel auf Grün
umsprang. Fuhr man ohne zu zahlen durch, wurde man geblitzt, und das wurde dann
richtig teuer.
Während ich mit einer Hand das Lenkrad festhielt, kramte ich mit der anderen in
meiner Hosentasche und fand zum Glück einen einzelnen Fünfer. Bald darauf waren
wir in der Hauptstadt.
Die Straße wurde wieder schmaler, die Fahrzeuge fädelten sich ein und steuerten auf
eine Gabelung zu. Geradeaus führte sie ebenerdig in die Innenstadt. Links und rechts
waren die beampelten und ebenfalls erneut mautpflichtigen Auffahrten zu den
Highways in luftiger Höhe.
"Fahr geradeaus.", sagte der Prof, und ich bemerkte, dass wir fast die einzigen waren,
die diese Route wählten. Die große Mehrheit der Fahrzeuge wählte eine der beiden
Auffahrten, entweder in den Westteil oder in den Ostteil der Stadt. Ich kam mir
unendlich klein vor, als ich in Höhe der Fundamente an den Banken und
Versicherungen vorbeifuhr, die sich so weit in die Höhe streckten, dass ich ihr Ende
selbst dann nicht sehen konnte, wenn ich meinen Oberkörper so weit nach vorne
beugte, um mit einem schrägen Blick nach oben durch die Windschutzscheibe zu
sehen.
"Wo musst Du eigentlich hin, Prof? Wo soll ich Dich rauslassen?"
"Ich lotse Dich.", erwiderte er. "Da, wo ich hin muss, kann ich Dir auch ein Bett
anbieten, dann brauchst Du nicht in eins der sündhaft teuren Hotels hier."
"Das ist aber nett.", bedankte ich mich und ließ mich, mal rechts, mal links, durch die
Hauptstadt lotsen.
Nach einer längeren Odyssee durch die nördlichen Geschäfts- und Büroviertel
gelangten wir schließlich ins alte Zentrum der Stadt. Zu unserer linken Hand
erstreckte sich kurz zuvor das große Regierungsviertel, welches großräumig
abgesperrt und bewacht wurde. Hierhin hatten nur die Mitglieder und Mitarbeiter der
Ministerien sowie jener der ebenfalls hier untergebrachten Regionsvertretungen,
beispielsweise von "Wissen", "Zuhause" oder auch "Liebe", Zutritt. Als wir uns dem
Stadtkern näherten, wuchs die Zahl der zu Fuß unterwegs befindlichen Passanten
ebenso stark an wie die Zahl der Einbahnstraßen und reinen Fußgängerzonen. Was
sich dem Auge ebenfalls anbot, waren hier und da zwischen den großen und
modernen Gebäudekomplexen ältere Bauwerke aus der Zeit vor der
Industrialisierung, die wie Relikte einer vergangenen Epoche millimetergenau
zwischen die neueren Hochhäuser geschoben zu sein scheinen. In Wahrheit natürlich
hatte man die moderneren Gebäude einfach an die linken und rechten Wände der alten
herangebaut und die ehemaligen Fenster dieser Seitenwände zugemauert.
"Fahr da vorne links in das Parkhaus, ansonsten findest Du hier keinen einzigen Platz
zum Parken.", befahl der Prof und zeigte auf die beschrankte Einfahrt desselben. An
der Schranke zog ich ein Ticket und fuhr immer im Kreis bis in die vierte Etage, wo
wir den ersten freien Parkplatz entdeckten. Mit dem Personenaufzug ging es wieder
hinunter zum Ausgang und Prof führte mich den Gehweg entlang zu einem etwa 500
Meter entfernten alten Steinhaus mit einer breiten Treppe an seiner Front, die links
und rechts von mit Taubendreck gemusterten Steinstatuen verschiedener Tierarten
flankiert wurde. Eine mit einem fein verzierten Geländer umrandete Außenterrasse
vor den Fenstern des ersten Stockes ruhte auf 12 alten Marmorsäulen altertümlichen
Stiles. Die wohl ehemals dunkelblaue Farbe des Terrassengeländers blätterte langsam
ab und verblasste zusehends. Im Zentrum des Geländers war ein ebenfalls farblich
verblassendes Wappen angebracht, welches, so konnte man es gerade noch erkennen,
in der unteren Hälfte eine grüne und der oberen Hälfte eine blaue Grundfarbe aufwies.
Davor war im Zentrum ein Baum in voller Blüte abgebildet, und in den vier Ecken
des Wappens hatten vier Symbole Platz gefunden: Eine Kornähre, ein Notenschlüssel,
eine Schreibfeder und ein Wanderstock.
"Das ehemalige Rathaus der Stadt.", klärte Prof mich auf, als wir auf das Gebäude
zuschritten. "Heute befindet sich in der Parterre eine Gaststätte, die ehemaligen
Empfangssäle im ersten Stock können heute von jedermann für Feierlichkeiten jeder
Art gemietet werden, und aus den oberen beiden Stockwerken wurde ein Hotel für
durchreisende Geschichtsfanatiker gemacht. Die Übernachtungen allerdings sind
unbezahlbar, weil man die gesamte ehemalige Einrichtung restauriert und
originalgetreu erhalten hat. Ich sollte nur mal dafür sorgen, dass auch das Geländer
und das Wappen einmal neu gestrichen werden."
Wir erklommen die große Steintreppe und betraten das alte Rathaus, denn das große
Eingangsportal aus schwerem Holz war nicht verschlossen. Wir betraten ein großes
Foyer. Die Türen, die rechts und links davon abgingen schienen verschlossen und
schon längere Zeit nicht mehr benutzt worden zu sein. Am Ende des Foyers allerdings
konnte man den offenen Zugang zu der bereits erwähnten Gaststätte erkennen. Es war
kurz vor Abendbrotzeit, und es war noch nicht viel los hier. Prof steuerte dennoch
zielstrebig darauf zu.
Als der Wirt hinter der Theke ihn bemerkte, griff dieser unter den Tresen und legte
wortlos einen alten Bartschlüssel auf den Tresen, den der Prof schweigend an sich
nahm. Dann bedeutete er mir mit einem Kopfschwenk, ihm zu folgen. Wir verließen
den Gastraum wieder zurück ins Foyer und gingen dann eine breite Innentreppe
hinauf zu den oberen Stockwerken. Im Flur der ersten Etage überwältigten mich die
ehemals prunkvollen Flügeltüren, die in die Empfangssäle führten. Aber am Ende des
Flures war eine zur Rückseite des Gebäudes führende kleine Tür, die der Prof mit
dem soeben empfangenen Schlüssel öffnete, mich hindurch lotste und hinter sich
wieder verschloss. Wir standen nun auf dem Absatz einer ehemaligen eisernen
Feuertreppe im Freien, und mein Führer begann, diese hinab zu steigen auf die hinter
dem alten Rathaus gelegenen Gasse. Bevor ich ihm hinab folgte, sah ich mich kurz
um, und was ich sah, verschlug mir regelrecht den Atem.
Mir bot sich trotz einer für den späten Nachmittag ungewöhnlichen Dunkelheit ein
Anblick, mit dem ich nie gerechnet hätte. Vor meinem staunenden Auge präsentierte
sich eine uralte Gasse von etwa 400 Metern Länge. Der Straßenbelag bestand aus
altem Kopfsteinpflaster, und an beiden Straßenseiten standen Wand an Wand alte
kleine Fachwerkhäuser, die bestimmt schon 200 Jahre alt sein mussten, wenn nicht
sogar älter. Die ganze Szene war wie ein Zeitsprung in eine andere, längst vergangene
Zeit. An den rückwärtigen Wänden der Häuser schloss sich die Rückseite eine großen,
zu dieser Seite hin fensterlosen, Fabrikkomplexes an, der in seiner Höhe die der alten
Fachwerkhäuser um ein Vielfaches überragte. Das war auch der Grund für die
ungewöhnliche Dunkelheit. Die Sonne fand kaum einen Weg in diese enge, von
großen neueren Gebäuden umschlossenen Schlucht einer scheinbar vergessenen Welt.
Lediglich zur Mittagszeit, wenn die Sonne senkrecht stand, wurde diese Gasse mit
natürlichem Licht übergossen. Jetzt aber wurde sie nur leidlich erhellt durch ein paar
alte Straßenlaternen, in denen tatsächlich echte Feuer flammten. Vor einem der alten
Fachwerkhäuser stand noch ein hölzerner Fuhrwagen mit gebrochenen Speichen. Er
war nach vorne geneigt, weil an seinem vorderen Ende das eigentlich dahin
gehörende Pferd fehlte. Der Wagen verrottete so langsam vor sich hin. Der Anblick
dieser alten Gasse aus früheren Zeiten war so überwältigend, dass ich mich am
Geländer der Plattform festhalten musste, auf der ich immer noch stand, unfähig mich
zu bewegen.
"Komm runter, Stelzer", rief mir der Prof zu. "Gleich wird es so dunkel sein, dass ich
befürchte, Deine Augen sind an eine verletzungsfreie Durchquerung dieser Gasse bei
den nur wenigen und dazu noch unzureichenden Leuchtquellen der Laternen nicht
gewöhnt." Ich konnte von hier oben noch erkennen, dass die Gasse an ihren beiden
Enden ebenfalls von den fensterlosen Rückwänden des Fabrikkomplexes hermetisch
abgeschlossen war. Es sah irgendwie mehr wie eine Filmkulisse aus, in der man alte
Schinken drehen konnte, ohne dass die Kamera jemals einen Blickwinkel aufnahm,
der den Fortgang der Gasse zeigte, weil auf diesen dann die neuen Mauern der
Verwaltungs- und Requisitengebäude der Filmgesellschaft zu sehen gewesen wären.
Aber es war keine Filmkulisse. Das war eine original erhalten gebliebene echte Gasse
aus einer Zeit, an die sich hier kaum mehr jemand zu erinnern schien.
"Wo sind wir hier?", fragte ich den Prof, als ich vorsichtig den Fuß der Feuertreppe
erreichte. Bevor er antworten konnte, blickte ich noch einmal zurück. Die
Feuerfluchttür an der Rückseite des alten Rathauses, dessen Fenster zu dieser Seite
hin ebenfalls zugemauert waren, schien der einzige Zu- und Ausgang zu diesem Teil
der Stadt zu sein, und der Landarzt aus Fieber hatte Zugriff auf den Schlüssel. Ich
wusste im Moment nicht, was ich davon halten sollte und wo hinein ich hier geraten
war.
"Dieser Teil der Stadt...", begann der Prof, die Worte aus meinem Kopf verwendend,
seine Antwort, "...ist eigentlich kein Teil der Stadt mehr. Es handelt sich um einen
noch erhaltenen aber längst in Vergessenheit geratenen Teil der ehemaligen
Schmiedegasse, aus einer Zeit, als diese Stadt in der Blüte ihrer eigentlichen
Bestimmung stand. Du wirst sie auf keinem einzigen Stadtplan finden, und selbst die
heutige Stadtverwaltung, ja noch nicht einmal die Reichsregierung, haben Kenntnis
von ihrer Existenz. Auf den Stadtbebauungsplänen grenzt diese pharmazeutische
Fabrik", er zeigte mit seinem Zeigefinger auf die gelblichen Rückwände des die Gasse
umschließenden Komplexes, "nahezu unmittelbar an das alte Rathaus und die
Nachbargebäude. Die nach hinten abzweigenden U-Ausläufer der Fabrik sind in den
Architekturzeichnungen deutlich kürzer als sie es tatsächlich sind, so dass auf allen
Stadt- und Bebauungsplänen der Abstand zwischen dem alten Rathaus und der Fabrik
gerade einmal so groß ist, dass die Abluft beider Gebäude sich ihren Weg durch einen
dünnen Spalt nach oben ins Freie suchen kann. Die Differenz zwischen der
tatsächlichen Länge dieser U-Ausläufer und den Angaben in den Zeichnungen
interessiert schon seit Jahrzehnten keinen mehr. Vermutlich sind die
Originalzeichnungen in den Kellern des Stadtarchives auch längst vergilbt. Die
Existenz dieser Gasse ist nur wenigen bekannt. Mir selbst natürlich, dem Wirt vorne
im alten Rathaus, dem Architekten, der natürlich zu unserer Gruppe gehört und noch
einer Handvoll anderer aus unserer Gruppe."
"Und jetzt auch mir!", wandte ich ein. "Warum hast Du mich hierher geführt in diese
Gasse? Ist das Wissen um sie gefährlich, da Eure Gruppe so ein Geheimnis darum
macht? Überhaupt: Was für eine Gruppe?"
"Das sind viele Fragen auf einmal. Und ich werde sie Dir alle beantworten, soweit ich
das vermag. Aber jetzt komm erstmal. Du wirst Hunger haben, und Du solltest Dein
Bett frisch beziehen. Es sind immer noch die Bezüge darauf, in denen Du geschlafen
hast, als Du das letzte Mal hier gewesen bist, und das ist schon eine Weile her.
Vermutlich wirst Du Dich überhaupt nicht mehr erinnern."
Ich verstand überhaupt nichts mehr. Ich kniff mich, ohne dass er es sah, um zu prüfen,
ob ich träumte. Aber es änderte sich nichts. Ich stand immer noch in der Gasse einer
anderen Zeit, zusammen mit einem mir eigentlich unbekannten Mann, der für mich
nur noch in Rätseln sprach.